von hundert, exhibition review, December 2014

Andreas Schlaegel on Juan-Pedro Fabra Guemberena

Noviembre

Kinderhook & Caracas, Berlin

Kinder, Helden und Revolutionen

Einer Sache war ich mir immer sicher: Eltern nerven. Aber in der Ausstellung ”Helden”, im Nachbarschaftshaus am Teutoburger Platz, wo dieser Tage Beiträge einer Grundschulklasse mit in Schuhkartons inszenierten Heldendarstellungen zu sehen sind, überraschte mich die Auswahl der Kinder dann doch. Denn, Wenn auch mit Nelson Mandela, Martin Luther King oder Sophie Scholl durchaus plausible Heldenfiguren dabei waren, und die Wahl von Bart Simpson oder Youtube-Figuren ebenfalls nachvollziehbar sein kann, erstaunte mich doch, dass viele Kinder die eigenen Eltern als Helden vorstellten, und sie so neben die sehr prominenten Freiheitskämpfer und Bürgerrechtler einreichten. War das ein erstaunlich früh ausgeprägter Sinn für Sarkasmus oder nehmen diese Kinder ihre Eltern tatsächlich als so heldenhaft wahr? Haben die Kinder vielleicht keine Möglichkeit etwas anderes zu denken, weil sich die Eltern vor ihren Kindern zu Hause als bewundernswerte, ja tatsächlich wahrhaft heldenhafte Bewältigter des Alltags darstellen, so, wie sie es möglicherweise auf Facebook für eine breitere Öffentlichkeit auch tun? Nicht, dass es sich bei diesen Eltern nur um eitle Fatzken oder Gauner handeln würde, ganz im Gegenteil. Umsomehr verblüfft mich diese Wahl – wo bleibt denn da die kritische Reflektion? Wo die Infragestellung von Autoritäten, oder ist das nicht (mehr)wichtig? (Wird Angela Merkel auf ewig Kanzlerin bleiben?)

Ich versuche, das aufkommende Gefühl der Beklemmung zu bekämpfen, indem ich an drei Dinge denke. Erstens: vielleicht ist diese Wahl dem Vorschlag des Lehrers geschuldet, ungefähr so: ”Wenn euch kein Held einfällt, könnt ihr ja eure Eltern nehmen.” Zweitens: vielleicht ist meine Vorstellung von Heldentum zu überhöht, und das In-die Welt-Werfen eines Kindes ist bereits Heldentat genug, welche dieses dann erkennend in Schuhkartons zu würdigen bereit ist. Drittens: an die Ausstellung von Juan-Pedro Fabra Guemberena, die ich an einem warmen Spätsommertag viel zu flüchtig betrachtet hatte.

Der Projektraum Kinderhook & Caracas ist nicht groß, aber auch kein Schuhkarton. Hier thematisiert der Künstler die Beziehung zu seiner Mutter in der Installation ”Noviembre”. Was eigentlich nicht stimmt, vielmehr scheint es, als versuche er die Beziehung, die seine Mutter zu ihm als Kind pflegte, nachzuvollziehen. Diese ist insofern ungewöhnlich, als seine Mutter in der Guerillabewegung Uruguays aktiv war und später inhaftiert wurde. Uruguay ist nicht nur ein kleines, liberales (gleichgeschlechtliche Ehe, legale Abtreibung, legales Marihuana, usw.) südamerikanisches Land, das zweimal Fußballweltmeister wurde, sondern hat auch eine lebhafte jüngere Geschichte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte das Land eine Wirtschaftskrise, und den Notstandgesetzen, die die Regierung zur Bekämpfung ausriefen, widersetzten sich die nach einem indigenen peruanischen Rebellenführer aus dem 18. Jahrhundert benannten Tupamaros. In den späten sechziger Jahren wird daraus eine Volksbewegung, der Versuch ihren Aufstand mit exzessivem Einsatz von Gewalt zu underdrücken, führt zur Radikalisierung der Guerilla, und zur intensiven und brutalen Verfolgung ihrer Mitglieder durch Staatsorgane. Ein Militärputsch 1973 führt zu zahlreichen Inhaftierungen und einer zwölfjährigen Militärdiktatur. Erst 1985 wird die Demokratie weiderhergestellt, die inhaftierten Tupamaros werden entlassen und engagieren sich in der Parteienpolitik. Auch der von 2009-2014 aktive Präsident Uruguays, José Mujica, weltweit populär aufgrund seines Verzichts auf den Großteil seiner Amtsprivilegien, war führender Kopf der Tupamaros.

Von diesem Kampf der Uruguayer gegen die von den USA unterstützte Militärdiktatur zeigt der Künstler wenig. Er konzentriert sich auf ein kleines auratisches Objekt, das er in einer Vitrine, aufgestellt wie eine kleine Architektur, präsentiert: ein Brief, den seine Mutter ihm aus der Haft schreib. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein selbstgemachtes Kinderbuch, handgeschrieben und mit lustigen, selbstgemalten Tierfiguren beklebt auf einem Leporello aus Packpapier. Es zeigt den kleinen Juan-Pedro und seine Freundin Vania (”Sie hat eine rote Schleife im Haar und gelbe Schuhe”), und beschreibt den Besuch im Zoo, den Löwen, die Giraffe, Den Strauß. Bei seiner Tante und der Familie von Vania lebte der Künstler während seine Mutter in Haft war.

Den Zoo in Montevideo gibt es, er liegt im Viertel Villa Dolores, wörtlich, Haus der Schmertzen. Ich glaube aber nicht, dass die Mutter ihrem Sohn heimlich etwas über ihre Trennungqualen mitteilen wollte, vielmehr scheint es, als gestatte sie sich mit der Geschichte im Brief selbst einen kleinen Freigang aus den Gefängnismauern, wenn auch nur für einen Moment und in einer bildnerischen und sprachlichen Fantasie, die den Augen der politischen Polizei, die alle Briefe kontrollierte, sicher keinen Anhaltspunkt bot.

Tatsächlich wird der Haftalltag hart gewesen sein, auch das Militärregime in Uruguay wurde schnell dafür bekannt, mit politischen Häftlingen nicht zimperlich umzugehen. Aber immer noch besser als in den benachbarten Ländern Argentinien und Chile, wo sich eine Kultur des massenhaften ”Verschwindenlassens” unliebsamer Zeitgenossen entwickelte. In den späten siebziger Jahren gelingt es der Familie nach Schweden entkommen. Auf der Einladungskarte prangt das Porträt der Mutter aus einem UN-Flüchtingspass. Ein Foto in der Ausstellung zeigt den Künstler als achtjährigen Jungen bei der Ankunft im exotischen Schweden. In der Ausstellung steht der Brief einem riesigen Wandschirm (”El Gurromino”, 2014) aus geschwärtzen Zeitschriftenseiten gegenüber, zwischen deren Rändern ein helles Gitter entsteht, durch das Licht in den Raum fällt. Auf jeder Seite setht ein Buchstabe, die zusammen wie Fragmente weiterer Briefe wirken. Der Titel verweist auf einen spanischen Liederzyklus aus dem 18. Jahrhundert, ”El Gurrumino” ist ein beklemmendes Wiegenleid daraus, mit der Warnung vor dem Coco, einer bedrohlichen, Kinder stehlenden Figur. Dieses Leid sang die Mutter dem Sohn in Schweden zum Einschlafen vor. Die schwarze Papierwand ist so etwas wie eine verspätete Antwort des erwachsenen Künstlers auf den Brief seiner Mutter. Zusammengestellt entwickeln die beiden Papierarbeiten erstaunliches Pathos, was die emotionale Bedeutung der Ereignisse nachfühlen lässt, aber auch der dieses Projekts.

In einem Video sieht man die betagte Tante der Mutter des Künstlers, die beim Versuch, für die Kamera ein Lied über den Tod der ”Tochter des Juan Simon” zu singen, zu weinen beginnt. Und um sich abzulenken und aufzumuntern, fängt sie an, lebhaft von der Begegnung mit dem Mann einer kürzlich verstorbenen Bekannten zu erzählen. Diesen Bildern wohnt so etwas wie Erklärung inne, für die langjährige Auseinandersetzung des Künstlers mit anonymer Bedrohung, mit Gewalt, Angst und deren Darstellung in Film und Bild, wie in seiner Videorekonstruktion zum Unglück des Fluges United Airlines 93 am 11. September 2001 aus Hollywoodfilmen (”Noventa y Tres”, 2012), oder seinem umfassenden Projekt zum 1939 vor Montevideo gesunkenen deutschen Schlachtschiff ”Graf Spee” (2007).

Mit dem in dieser Ausstellung angerissenen Projekt bringt der Künstler seine Forschung zu seiner eigenen Biografie – der Konfrontation mit kindlichen Ängsten und der am eigenen Leibe erlebten Gewalt, als Flüchtling in einem völlig fremdartigen Land, und als Sohn einer inhaftierten und abwesenden, wenn auch zweifellos mutigen Mutter – in einem völlig fremdartigen Land, und als Sohn einer inhaftierten und abwesenden, wenn auch zweifellos mutigen Mutter – in eine erste visuelle Umsetzung, er will diese sehr persönliche Auseinandersetzung fortführen.

Ihre Wirkung entfaltet die Ausstellung, weil der Künstler die Mutter nicht zur Heldin stilisiert, die sie für den Achtjährigen sicher gewesen ist. Sondern, weil sie daran erinnert, dass es ein grundsätzliches Gebot der Menschlichkeit ist, Menschen auf der Flucht aus Krisengebieten zu helfen. Egal ob diese Menschen Helden sind, oder ganz normal. Wer nicht hilft, ist kein Held. Sondern verhält sich schäbig. So einfach ist das. Zumindest haben mir das meine nervenden Eltern so erklärt.